[Rezension] Eindrücklich, bildgewaltig und außergewöhnlich: Bestimmt wird alles gut von Kirsten Boie und Jan Birck

Bestimmt wird alles gut bei Klett Kinderbuch

PRODUKTDETAILS:

Titel: Bestimmt wird alles gut
Reihe: -
Autor: Kirsten Boie
Illustrator: Jan Birck
Gelesene Sprache: Deutsch
Genre: Kinderbuch
Übersetzung ins Arabische: Mahmoud Hassanein
Gelesene Sprache: Deutsch
Genre: Realistisches Kinderbuch
Empfohlene Altersangabe: Ab 6 Jahre
Herausgeber: Klett Kinderbuch Verlag (ein Unternehmen der Klett-Gruppe)
Erscheinungstermin: 22. Januar 2016
ISBN: 978-3-95470-134-6
Format: Hardcover
Preis: EUR 9,95

PRODUKTINFORMATIONEN:

Kurzbeschreibung:
Früher haben Rahaf und Hassan in der syrischen Stadt Homs gewohnt und es schön gehabt. Aber dann kamen immer öfter die Flugzeuge und man musste immerzu Angst haben. Da haben die Eltern beschlossen wegzugehen in ein anderes Land. Wie sie über Ägypten in einem viel zu kleinen Schiff nach Italien gereist sind und von dort weiter nach Deutschland – das alles hat sich Kirsten Boie von Rahaf und Hassan erzählen lassen und erzählt es uns weiter. Auch von einer schimpfenden Frau im Zug und einem freundlichen Schaffner. Und von Emma, die in der neuen Schule Rahafs Freundin wird.

Der Verlag über das Buch:
Wir bringen diese bewegende Geschichte zweisprachig heraus, damit viele Flüchtlingskinder sie in ihrer Sprache lesen können. Außerdem hilft ein kleiner Sprachführer im Anhang beim Deutsch- und Arabisch-Lernen. Jan Bircks Bilder begleiten den knappen Text auf eindrückliche und warmherzige Weise.
Ein schweres und brisantes Thema, eine wohltuende Geschichte, ein schönes Buch.

Über den Autor:
Kirsten Boie, Jahrgang 1950, ist eine der renommiertesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Nach ihrem Studium promovierte sie in Literaturwissenschaft und arbeitete anschließend als Lehrerin. 1985 erschien Kirsten Boies erstes Buch. Inzwischen sind von Kirsten Boie rund 100 Bücher erschienen, die mehrfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt bei Hamburg.

Über den Illustrator:
Jan Birck, Jahrgang 1963, ist Illustrator, Trickfilmkünstler und Cartoonist und illustrierte zahlreiche preisgekrönte Kinder- und Jugendbücher. Von ihm stammen die bekannten Bilder zu den „Wilden Fußballkerlen“, er zeigt aber mit diesem Buch, dass er auch ganz anders kann. Jan Birck lebt mit seiner Familie in München. 

DIE BEWERTUNG

Meinung:
Ein wunderbares und ehrliches Buch über die Notwendigkeit des Sichtbarmachens von Flüchtlingsgeschichten. Die einfühlsam erzählte Geschichte und die beeindruckenden Bilder vom Flüchten und Ankommen bringen den Leser ganz nah an die beiden Geschwister Rahaf und Hassan.

Die Sprache/Der Satzbau:
Kirsten Boie gelingt es mit einfachen, kindgerechten Sätzen das Schicksal zweier Kinder aus dem Bürgerkriegsland Syrien nachzuzeichnen. Die klare, einfache Sprache ermöglicht es jungen Lesern in die Gedanken- und Gefühlswelt von Rahaf und ihrem Bruder Hassan einzutauchen.
Besonders eindrücklich gelingt das Boie, wenn sie erst Begebenheiten in etwas längeren Sätzen ausführlich schildert und dann kurz darauf einen kurzen, prägnanten Satz als Gegenpart beifügt, der sich auf das zuvor Geschilderte bezieht und oftmals eine kindliche Verwirrung wie unterschwellig aufzeigende Doppelmoral darstellt.
Eine Besonderheit des Buches liegt darin, dass die Geschichte zweisprachig auf Deutsch und Arabisch erzählt wird. Unter oder neben einem deutschen Textabschnitt befindet sich die arabische Entsprechung. So können deutsche Kinder mit den arabischen Schriftzeichen vertraut gemacht werden; so ist auf den hintersten Seiten ein Anhang mit Erste Wörter und Sätze zum Deutsch- und Arabischlernen aufgelistet. Das Buch ist unter anderem auch deswegen besonders gut als Integrationsinstrument im Sprachunterricht (Deutsch als Fremdsprache) für arabische Kinder geeignet.
2,0/2,0 Punkten

Die Figurentiefe/Die Figurenentwicklung:
Boie schildert durch einen auktorialen Erzähler das junge Leben der zehnjährigen Rahaf und ihres neunjährigen Bruders. Erst ihr Leben in Syrien, dann ihr Leben auf der Flucht und zuletzt ihr Leben in Deutschland als Asylanten. Die Geschichte beginnt mit lebensfrohen Kindern, die nicht verstehen, warum sie nicht mehr auf der Straße spielen dürfen, die nicht verstehen, warum sie aus der Heimat weggehen.
Eindrücklich wird von Rahaf erzählt, die sich in so vielen gefahrvollen und verunsichernden Situationen wiederfindet. Das Augenmerk der Geschichte liegt auf den Empfindungen des Kindes; Rahafs Gefühle sind wichtig, ihre Veränderung von einem naiven, glücklichen Mädchen in ein reifes, das Leben liebendes und dankbares Kind. 
Dies gelingt nicht nur den Text, sondern auch die großartigen Bilder von Birck tragen wesentlich dazu bei. Bilder sagen oftmals mehr als Worte und so können wir auch Rahafs Entwicklung durch die Bilder mitverfolgen. Am Anfang sind es farbenprächtige Alltagsszenen, die Birck zeichnet, in der Mitte, auf der Flucht, sind es trost- und farblose Bilder, die Enge und Gefahr transportieren, obwohl sich diese Bilder zumeist über zwei Seiten erstrecken.
2,0/2,0 Punkten

Der Plot/Der Geschichtsverlauf:
Kirsten Boie weiß, wie sie eine gute (Kinder)Geschichte erzählen muss. Am Anfang wird das Leben vor der Flucht geschildert, dann die Flucht selbst – mit all ihren Gefahren und der Schluss zeigt sich versöhnlich, als Rahaf und ihr Bruder sich langsam an das Leben in Deutschland gewöhnen. Es ist eine Geschichte vom Flüchten und Ankommen; es geht weniger um Fluchtursachen, es geht weniger darum, zu erklären, warum Flüchtlinge aufgenommen werden sollten, sondern es geht um die Kinder selbst, die unter den Lebensumständen leiden.
Dies ist die größte Stärke und größte Schwäche des Buches. Der Buchklappentext spielt mit dem Prädikat „Wahre Geschichte“, aber in der Geschichte zeigt sich wenig von realen Umständen (mit Ausnahme der wichtigsten Ursache: die Gefahr für das eigene Leben). Vielmehr geht es um die Gefühle, um das Erleben der Geschehnisse durch die kleine, unschuldige Rahaf. Zwar mag das Buch tatsächlich auf einem Mädchen namens Rahaf beruhen, doch glaube ich, dass die Geschichte diesen Umstand von „Wahrheit“ und „Authentizität“ nicht nötig hat.
Schließlich kann man sie als universelle Geschichte betrachten, in der es um Menschlichkeit und Überleben geht. Es ist ein Kinderbuch, bei dem die Kinder im Vordergrund stehen. Wichtig sind nicht die realen Umstände, sondern das Herstellen von Verständnis. Und dies gelingt dem Team Boie und Birck allein durch die wunderbaren Passagen von Text und Bild.
1,5/2,0 Punkten

Der Aufbau/Die Nachvollziehbarkeit:
Die Geschichte ist gut aufgebaut. Der Leser erlebt, wie Rahaf und ihre Familie zu Beginn leben, es wird gezeigt, warum Rahaf und ihre Familie fliehen und es wird erlebbar gemacht, was es bedeutet zu fliehen.
Was es bedeutet, Schlepper zu bezahlen, dann all sein Hab und Gut zu verlieren, sodass man nur sich selbst hat, nur noch Mama, Papa, Bruder und die beiden kleinsten Geschwister um sich hat. Nicht einmal mehr Decken, um sich vor der Kälte zu schützen.
Auch die Eindrücke eines fremden Landes werden geschildert, werden durch die Erzählung und die Bilder nachvollziehbar. Die langsame Eingewöhnung, die schwierigen und vielfältigen Barrieren zwischen den Geflüchteten und den Menschen hier, die Heimatlosigkeit und die Trostlosigkeit der Eltern. Der Erzähler ist nah dran an Rahaf und schildert ihre Eindrücke, die wunderbar kindgerecht umgesetzt sind.
2,0/2,0 Punkten

Das Cover/Die Gestaltung:
Das Umlaufcover für Bestimmt wird alles gut zeigt die Ankunftsszene der Familie von Protagonistin Rahaf auf europäischen Boden. Aus dem Wasser kamen sie an den Strand gewatet, als kleine Familie auf sich allein gestellt. So ist das Cover mit reduzierten Farben gestaltet, denn es zeigt die beschwerliche, aber auch erleichternde Situation endlich wieder Land unter den Füßen zu haben, der Gefahr entkommen zu sein. Für das Buch ist es ein gelungenes Cover, das den Leser bewusstmacht, um was für eine Geschichte es sich handelt.
Auch das weitere Bildprogramm ist für das Kinderbuch ein Hingucker und genauso wichtig wie der Text selbst. Dem Illustrator Jan Birck gelingt es unglaublich, mit Farben und Strichen solch eine Atmosphäre zu schaffen, die das Lebensgefühl einer flüchtenden Familie ausdrückt. Jedes Bild erzählt Rahafs Geschichte, alle zusammen zeigen sie die wichtigsten Stationen vom Flüchten und Ankommen des kleinen Mädchens. Deshalb gibt es an dieser Stelle auch eine etwas genauere Beschreibung der Bilder.

Das erste seitenfüllende Bild zeigt Rahaf bei einer Pyjamaparty mit ihrer Cousine und ihrer Puppe. Es ist ein farbenfrohes Bild, die Orange- und Lilatöne erzeugen Wärme und Lebensfreude beim Betrachter; die lachende und glückliche Rahaf ist der Mittelpunkt des Bildes.
Zwei Seiten später sieht der Leser Rahaf, ihren Bruder und andere Kinder beim Spielen auf der Straße. Das kleine, ängstliche Gesicht am rechten Bildrand gedrückt steht in direkter Verbindung zu den Flugzeugen am linken oberen Bildfeld. Um Rahaf herum ist in zurückgenommenen Farben das Haus ihrer Kindheit zu sehen; daneben andere Häuser und andere Menschen, bedroht von den Flugzeugjägern in der Luft.
Die Bedrohung liegt in der Luft und Birck gelingt es gut, die Angst zu vermitteln. In Zusammenhang mit dem weiteren Text, erlebt der Leser, wie sich die Familie von Rahaf zur Flucht entscheidet. Eine Flucht, die übers Meer führt; eine gefährliche Passage, denn alle Flüchtlingsboote sind bewusst übervoll. Doch Birck hält sich da zurück; er zeigt nicht – wie viele andere Medien – die übervollen Boote mit hunderten Menschen darin, sondern wagt sich an eine andere Perspektive.
Das dritte Bild ist aus Sicht der Meeresbewohner gezeigt. Hier dominieren gedeckte Farben im blauen und grauen Spektrum. Unter Wasser kann der Leser das schwere – da übervolle – Boot am rechten oberen Bildrand erkennen. Die Fische und Wale sind davon natürlich unbeeindruckt, doch vermittelt das Bild die Gefahren der Überfahrt. Denn was ist, wenn das Boot – nicht größer als eine Nussschale und mit keinen Rettungsbooten ausgestattet – sinkt?
An Bord des Bootes derweil erlebt Rahaf die Enge und die Grausamkeit der Menschen. Ihre Familie besitzt nun nichts mehr, ihnen ist das Gepäck von den Schleppern weggenommen worden. Das Bild zeigt die Familie eng aneinandergedrängt, die Kinder schlafend zusammengekauert, ohne Decken, nur durch die Körperwärme der anderen geschützt. Um sie herum ist alles trostlos; die anderen Menschen sind farblos, ohne Gesichter, ohne persönliche Merkmale. Doch die Familie ist ein Hort der Wärme. Ihr Zusammenhalt wird von sanften Licht umspielt und macht sie farbig. Auch wenn sie nichts mehr haben, dem Leser wird nahegebracht, dass sie sich noch als Familie haben.
Auf die Ankunft in Italien und die Weiterreise nach Frankreich und Deutschland verwendet der Illustrator zwei Doppelseiten. Auf diesen befindet sich bis zur Bildmitte die Textzeilen (links auf Deutsch, rechts auf Arabisch), darunter kann der Leser das Bild betrachten.
Die Ankunft auf italienischen Boden zeugt von neuer Hoffnung; das Bild streckt sich von rechts nach links in die Höhe, die Familie schreitet voran – in ein neues Leben. Die Bahnhofsituation ist ungleich bedrohlicher. Isoliert sitzt die Familie auf einer Bank, der Vater streckt den Zeigefinger an den Mund. Ein Zeichen für die Kinder ruhig zu sein und keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Nachdem die Familie Deutschland erreicht hat, sind Rahaf, ihre Eltern und drei Geschwister gemeinsam in einem Zimmer untergebracht. Das Gefühl der Enge, Trost- und Hoffnungslosigkeit wird durch die Illustration mithilfe der Zentralperspektive sehr gut wiedergegeben. Als Betrachter hat man das Gefühl, der Raum verengt sich immer weiter und weiter, es gibt keinen Platz für sie, alles ist grau und beunruhigend.
Das nächste Bild zeigt schon eine Verbesserung, auch wenn sie in einem Container mit vielen anderen Menschen leben müssen, ganz anders als in ihrer Heimat.
Bunt und lebensfroh wird es aber erst, als Rahaf in die Schule kommt. Sie und ihre Sitznachbarin, die sie offen und herzlich aufnimmt, sind hell und farbig gestaltet. Die anderen Kinder sind noch ein bisschen skeptisch, sie sind grau und für Rahaf noch nicht einzuordnen.
Das letzte Bild der Geschichte stellt eine kurze Anekdote dar. Sie zeigt, dass Rahafs Vater, ein Arzt, einem verunfallten Motorradfahrer hilft und erste Hilfe leistet. Schließlich ist das ja seine Berufung. Das Bild ist in hellen, freundlichen Farben gemalt und zeigt eine Traube von Menschen um Rahafs Vater, die alle staunend um ihn herumsteht. Diese beiden letzten Bilder zeigen, dass die Familie angekommen ist.
2,0/2,0 Punkten

Fazit:
Mit 9,5 von 10,0 Punkten vergebe ich all denjenigen die Leseempfehlung, die ihren Kindern zuhause, in der Schule, in ihrem Umfeld das Thema Flucht und (syrische) Flüchtlinge in Deutschland nahebringen wollen. Aber es ist auch ein Buch für jeden Menschen – egal ob alt oder jung –, denn es berührt und zeigt, was Menschlichkeit in all ihren Facetten bedeutet.

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